Allgemeine Einführung in die Propaganda
Während des Vietnamkriegs (1955–1975) war Propaganda auf beiden Seiten des Konflikts ein zentrales Instrument der Kriegsführung — nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern ebenso im Kampf um die öffentliche Meinung im In- und Ausland. Die nordvietnamesische Regierung unter Ho Chi Minh setzte massiv auf visuelle Massenkommunikation, um die Bevölkerung zu mobilisieren, den Widerstandswillen zu stärken und den Krieg gegen die USA als gerechten Befreiungskampf zu rahmen. Plakate, Wandmalereien und Druckgrafiken fluteten den öffentlichen Raum und vermittelten eine konsistente Botschaft: Der vietnamesische Soldat und die Zivilbevölkerung stehen geeint und furchtlos einem technologisch überlegenen, aber moralisch unterlegenen Feind gegenüber. Auch die USA betrieben intensive Propagandaarbeit — sowohl im Inland, wo der Krieg zunehmend umstritten war, als auch in Vietnam selbst, etwa durch Flugblattabwürfe über nordvietnamesischem Gebiet. Auf südvietnamesischer Seite wurden antikommunistische Botschaften verbreitet, die oft westliche Unterstützung und Modernisierung als Alternative zur kommunistischen Revolution darstellten. Entscheidend für den Propagandakrieg war jedoch, dass die nordvietnamesische Seite trotz militärischer Unterlegenheit narrativ die Oberhand behielt: Bilder von vietnamesischen Zivilisten unter amerikanischen Bomben, verbreitet durch internationale Medien, wandten die globale Öffentlichkeit zunehmend gegen die US-Intervention und trugen wesentlich zum innenpolitischen Druck bei, der schliesslich zum amerikanischen Rückzug führte.
Bildinterpretation (Vietnam)

Das Plakat zeigt zwei vietnamesische Soldaten in grüner Tarnuniform im Vordergrund: Der eine richtet eine AK-47 nach vorne, der andere streckt triumphierend eine rote Fahne in die Höhe — ein universelles Symbol des kommunistischen Kampfes. Im Hintergrund deuten stilisierte Panzer und Flugzeuge die militärische Dimension an. Die kräftige Farbpalette aus Schwarz, Gelb, Grün und Rot sowie die stark vereinfachten, kontrastreichen Formen folgen dem sozialistisch-realistischen Plakatstil, der auf maximale Wirkungskraft ausgelegt ist. Die Texte machen die Botschaft explizit: „Hiệp đồng chiến đấu» — „Gemeinsam kämpfen» — ruft zur militärischen Einheit auf, während die Unterzeile „Bắn rơi nhiều máy bay địch, mở đường tiến quân» — „Viele feindliche Flugzeuge abschiessen, den Weg für den Vormarsch öffnen» — direkt auf den amerikanischen Luftkrieg antwortet, der Nordvietnam mit Bombardierungskampagnen wie der Operation Rolling Thunder massiv unter Druck setzte. Das Abschiessen feindlicher Flugzeuge hatte demnach nicht nur taktischen, sondern enormen symbolischen Wert. Die Figuren sind jung, entschlossen und furchtlos dargestellt — idealisiert nach dem Vorbild des sozialistischen Realismus —, um Siegeszuversicht und Kampfbereitschaft in der Bevölkerung zu wecken und die psychologische Mobilisierung voranzutreiben.
Bildinterpretation (USA)

Das Plakat stammt aus Südvietnam und richtet sich gegen die kommunistische Bewegung des Nordens. Im Zentrum stehen zwei Zivilisten — erkennbar an der schlichten, nicht-militärischen Kleidung — die gemeinsam die rote Fahne der Viet Minh mit Schwert und Axt zerhacken und zerreißen. Im Hintergrund ist eine fliehende, aufgelöste Masse dargestellt, die die Niederlage des Feindes vorwegnimmt. Die Farbpalette ist gegenüber den nordvietnamesischen Plakaten deutlich reduzierter — Erdtöne, blasse Hintergründe, weniger Kontrast — was dem Plakat einen weniger triumphalen, dafür agitatorisch-volkstümlicheren Charakter verleiht. Der Text „Toàn dân tiêu diệt C.S Việt Minh» — „Das gesamte Volk vernichtet die kommunistischen Viet Minh» — macht die Kernbotschaft explizit: Es ist kein Aufruf an das Militär, sondern an die gesamte Zivilbevölkerung, aktiv am Widerstand teilzunehmen. Propagandistisch besonders aufschlussreich ist die direkte symbolische Umkehrung: Die rote Fahne mit dem Stern, die im nordvietnamesischen Pendant triumphierend in die Höhe gestreckt wird, wird hier gewaltsam zerstört — ein klares Beispiel dafür, wie beide Seiten dieselben Symbole als Kampfmittel einsetzten, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Das Plakat verzichtet dabei vollständig auf eine ideologische Begründung oder einen positiven Gegenentwurf; es mobilisiert ausschließlich über Feindbildkonstruktion und den Appell an kollektiven Vernichtungswillen.